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02.06.2008

Schulen zu wenig eingestellt auf die Behebung von Rechtschreibschwächen

Bildungsregion Göttingen: Fachkonferenz „Legasthenie und Dyskalkulie“ im Otto-Hahn-Gymnasium in Göttingen

Göttingen. Die Förderung von Jugendlichen mit Lernschwächen hängt im Wesentlichen von der Bereitschaft und den Möglichkeiten der Eltern ab, die Defizite zu diagnostizieren und ihre Kinder auf eigene Kosten zu unterstützen. Die allgemein bildenden Schulen jedenfalls sind in ihrer jetzigen Struktur nicht in der Lage, Kinder und Jugendliche mit Rechtschreib- und Rechenschwäche gezielt unter die Arme zu greifen: Erkenntnisse wie diese prägten den Fachkongress „Legasthenie und Dyskalkulie“, zu dem 160 Interessenten in das Otto-Hahn-Gymnasium nach Göttingen gekommen waren.

Die Veranstaltung fand statt im Rahmen des Projektes „Bildungsregion Göttingen“, das gemeinsam von Regionalverband und Bildungsgenossenschaft Südniedersachsen (BIGS), Bürgerstiftung Göttingen sowie dem Verein „Impuls – Schule und Wirtschaft“ getragen wird. Kooperationspartner bei dieser Konferenz war der Kreisverband Göttingen-Northeim des Bunesverbandes Legasthenie-Dyskalkulie (BVL).

Weitgehend einig waren sich die Konferenzteilnehmer darin, dass die Probleme bei der Förderung nicht den Lehrern und Erziehern anzulasten sind. Vielmehr seien, so hieß es, weder die Schulstruktur noch die Lehreraus- und -fortbildung auf die Bedürfnisse dieser Kinder ausgerichtet. Dabei handelt es sich hier keineswegs um Randgruppen.

Nach Schätzungen von Experten leiden fünf bis sieben Prozent aller Schülerinnen und Schüler unter Rechtschreib- und Rechenschwäche – und zwar keineswegs nur in Grund- und Hauptschulen. Auch viele Gymnasiasten weisen diese Defizite auf. Wenn sie nicht behoben und in das Berufsleben der Erwachsenen hineingetragen werden, entstehen erhebliche volkswirtschaftliche Schäden. Für den einzelnen aber viel wichtiger ist die gesellschaftliche Stigmatisierung: Während sich kaum jemand scheut, Defizite in Chemie oder Physik öffentlich einzugestehen, gilt Schreib- und Rechenschwäche in Deutschland als peinlich. So wird dieses Problem gesellschaftlich verdrängt.

Während eines Vortrags am Vormittag machte der Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Hüther von der Universität Göttingen klar, dass die genetische Disposition von Legasthenie und Dyskalkulie in der Vergangenheit viel zu hoch bewertet worden sei. Neuere Forschungen hätten ergeben, dass Umwelt und Erziehung für diese Schwächen einen viel höheren Stellenwert hätten. Die Rechtsanwältin Annette Heinisch bezeichnete es als „Bringschuld der Schulen“, die diskutierten Probleme offensiver anzugehen. Die Juristin kündigte an, sie bereite eine Musterklage zur Durchsetzung von Schadenersatz gegen das Land Niedersachsen vor. Begründen wolle sie diese Klage, so erklärte sie, mit der mangelhaften Förderung eines Kindes, das unter Rechtschreibschwäche leidet.

<span style="font-style: italic;">(Karsten Hiege, Regionalverband Südniedersachsen)</span>

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