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27.12.2010

Bauen im Bestand: Längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft

Zu hohe Risiken und Kosten nur ein Vorurteile? - Auf die Sorgfalt der Untersuchungen und Planungen kommt es an

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Prof. Martin Thumm (Foto: Dirk Spenn)

Northeim. Mehr als zwei Drittel der Finanzmittel, die bundesweit für Baumaßnahmen ausgegeben werden, fließen in Sanierungen und Umbauten des Bestandes. Wenn es gelänge, das in der Öffentlichkeit weit verbreitete Vorurteil des „überteuerten Bauens“ im Bestand zu überwinden, könnte diese Quote aber deutlich höher ausfallen: Davon zumindest ist Prof. Martin Thumm von der Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen überzeugt.

In seinem Vortrag „Revitalisierung und Baukosten: Denkmalpflege als Hemmnis der Innenentwicklung?“ in der Northeimer Stadthalle bezeichnete Thumm die Chancen, die Altbauten böten, als „bei Weitem nicht ausgeschöpft“. Das betreffe die Ausnutzung der vorhandenen Konstruktion und ihrer Belastbarkeit, die Reparaturfähigkeit und Verstärkungsmöglichkeit sowie die funktionalen Möglichkeiten der Umnutzung der Grundrisse und Raumzuschnitte.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Auf den Ortskern kommt es an – Innenentwicklung als Zukunftsaufgabe der Region Südniedersachsen und ihrer Kommunen“ sprach sich Thumm dafür aus, stärker noch als bislang üblich die Wiederverwertung vorhandener Einbauten und Ausbauteile wie Treppen und Vertäfelungen zu prüfen und Baustoffe wie Strohlehm und Dachziegel wieder zu verwenden. Neue Leitungen könnten in ehemaligen Kaminzügen verlegt werden.

Nachdrücklich wandte sich Thumm dagegen, Häuser mit dicken Dämm-Materialien einzupacken. Bei aller Anerkennung der Bedeutung des Klimaschutzes müsse darauf geachtet werden, dass auch Häuser „Luft zum Atmen“ brauchten .

Bei der Umbau-Planung dürfe man zudem das alte Baugefüge auch nicht „überfordern“: Die neue Grundstruktur einschließlich der Raumzuschnitte müsse sich an früheren Nutzungen orientieren. Thumm: „Ingenieurstatisch bedeutet das: Eher belassen und verstärken statt verändern und erneuern. Bei den Standards muss man sich immer wieder fragen, ob alle Fenster absolut dicht sein müssen, ob Treppen nicht auch knarren dürfen und ob in jedem Zimmer wirklich zwanzig Steckdosen gelegt werden müssen.“

Thumm, der in der Kommission zur Novellierung des Niedersächsischen Denkmalschutzgesetzes mitarbeitet und sich seit Jahren mit dem Spannungsverhältnis zwischen Erhalt von Bausubstanz und dem Aufwand für den Erhalt befasst, setzte sich in seinem Vortrag vor mehr als 50 Veranstaltungsteilnehmern kritisch mit Bestimmungen, Normen und Standards auseinander. Während es beim Brandschutz keine Kompromisse geben dürfe, müsse man beispielsweise beim Wärmeschutz fragen, ob hier jede neue Norm sinnvoll sein oder ob man nicht vielmehr durch ein geringes Absenken der Raumtemperatur dieselben Effekte für den Klimaschutz erreichen könne.

Investitionen in den Bestand müssten, so Thumm weiter, sorgfältig von geeigneten Planungsbüros vorbereitet werden. Kein Fall gleiche dem anderen. Bevor der erste Handwerker in die Hände spucke und sich in seine Arbeit stürze, müssten Analysen erfolgen – dazu könne auch eine bauhistorische Untersuchung gehören. Wichtig sei es, Schadensursachen genau auf den Grund zu gehen und sich mit Machbarkeitsstudien und Testplanungen zu befassen. Thumm: „Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann das Risiko, bei Abrechnungen von Bauleistungen böse Überraschungen zu erleben, auf ein Minimum begrenzt werden.“

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